Achtsamkeitsmeditation als Lebenskunst

Achtsamkeitsmeditation als Lebenskunst

hat 9 Kommentare

 

Lebenskunst als Thema der abendländischen Philosophie ist seit einigen Jahrzehnten wieder präsent. In Deutschland ist ihr populärster Vertreter sicher Wilhelm Schmid, der vor allem als Autor philosophischer Sachbücher ein vergleichsweise breites Publikum erreicht. Doch auch einige andere Philosophen haben sich mit philosophischer Lebenskunst befasst.

So etwa der emeritierte Philosophieprofessor Ferdinand Fellmann mit seiner Philosophie der Lebenskunst zur Einführung, 2009 als Junius-Taschenbuch erschienen.

Im Zusammenhang mit meinem heutigen Impuls, in dem es um Ihre Lebenskunst, Ihre persönliche Art und Weise gut zu leben – liebe Leserin, lieber Leser – geht, sind mir drei Punkte wichtig, die sich aus dieser Einführung entnehmen lassen, ohne dass sie dort im Mittelpunkt stehen.

  1. Lebenskunst darf in Zeiten von Globalisierung Weisheiten außereuropäischer Kulturen nicht ausschließen.
  2. Emotionale Wege der Selbsterfahrung erhalten neben vernunftbasierten strategischen Regeln der Lebenskunst ebenfalls einen Platz.
  3. Im Feld der praktischen Umsetzung von Lebenskunst erscheint nicht zuletzt Meditation als ein probates Mittel, das auch hierzulande immer mehr Beliebtheit und wissenschaftliche Anerkennung erfährt.

 

 

Achtsamkeitsmeditation als meditative Praxis auch für Einsteiger

Anknüpfend an diese drei Punkte und vor allem im Interesse einer integrierenden Sicht möchte ich Ihnen mit der Achtsamkeitsmeditation (Achtsamkeit im Sinne von mindfulness) eine relativ einfache meditative Praxis vorstellen, mit der Sie gute Chancen haben, Ihre ganz persönliche Lebenskunst zu entwickeln beziehungsweise Ihre bestehende zu ergänzen.

Sie sind vor allem dann angesprochen, wenn Sie bisher keine oder wenig Meditationspraxis haben und daran interessiert sind, mit relativ einfachen Mitteln sich selbst besser kennenzulernen. Oder wenn Sie Ihren Alltag sowohl erleichtern als auch bewusster und vertiefter erleben wollen.

 

Im Unterschied zu Meditationsformen, bei denen die Ausrichtung auf einen bestimmten Gegenstand erfolgt, etwa auf ein Bild, kommt es bei der Achtsamkeitsmeditation vor allem darauf an, den gegenwärtigen Moment, die gegenwärtige Erfahrung bewusst wahrzunehmen. Möglichst ohne zu interpretieren und zu werten.

 

Wie können Sie anfangen?

 

Aufrechte Körperhaltung

Wenn Sie noch keine Erfahrung mit Meditation haben: Nehmen Sie eine für Sie angenehme und dabei möglichst aufrechte Körperhaltung ein. Sitzen Sie so, dass Sie sich entspannen und zugleich gut wach bleiben können. Wenn Sie sehr müde sind, schlafen Sie zuerst und meditieren zu einem anderen Zeitpunkt.

 

 

Zwei Grundpfeiler: Atem und Geduld

Beginnen Sie mit der Achtsamkeitsmeditation, indem Sie auf Ihren Atem achten. Atmen Sie ganz bewusst ein und aus. Ein und aus. Spüren Sie nach, wo sich Ihr Atem befindet. Vielleicht vor allem in der Nase, vielleicht mehr im Bauch? Vielleicht nehmen Sie einfach nur wahr, dass der ganze Körper atmet und tiefer und tiefer entspannt?

Wenn Sie merken, dass Ihr Geist in Vergangenes oder Zukünftiges abschweift, kehren Sie jedes Mal zu Ihrem Atem zurück. Mit zunehmender Übung gelingt Ihnen das besser und besser. Seien Sie beharrlich, erzwingen Sie jedoch nichts.

 

Die Kunst liegt im reinen Wahrnehmen

Neben der Atmung können Sie sich auch auf andere Empfindungen konzentrieren, denen Sie gewahr werden. Vielleicht spüren Sie ein Zwicken im Arm, ein Ziehen am großen Zeh, eine beklemmende Stimmung oder hören auch einfach nur ein Geräusch in der Wohnung über Ihnen. – Nehmen Sie all das wahr und belassen Sie es dabei. Wertungen und Interpretationen sind jetzt nicht gefragt.

Die Kunst der Achtsamkeit besteht darin, in dem, was gerade ist, präsent zu sein. Bleiben Sie also bei Ihren Wahrnehmungen und verstricken Sie sich in keine darüber hinausgehenden Gedanken.

Das ist oft gar nicht so einfach. Wenn Sie sich schon einmal in Meditation versucht haben, werden Sie das kennen: Kaum haben Sie damit begonnen, sich ausschließlich auf den Atem zu fokussieren, sind Ihre Gedanken schon ganz woanders. Da ist der Gedanke an den Streit vom Vortag, an die nervige Sitzung vom Nachmittag oder die Vorfreude auf den Kinobesuch am Abend.

Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Abschweifende Gedanken zu Beginn der Meditationspraxis sind ganz normal und kein Grund, an sich selbst oder am Sinn der Meditation zu zweifeln. Mit zunehmender Übung wird es Ihnen immer besser gelingen, in der Gegenwart zu bleiben.

Auch wenn Sie wieder und wieder abschweifen – üben Sie sich in Gelassenheit! Freuen Sie sich darüber, dass Sie das Abdriften bemerkt haben. Denn das ermöglicht es Ihnen, sich wieder neu auf die Meditation einzulassen.

Seien Sie dankbar auch für kleine Fortschritte. Üben Sie sich in Geduld, wenn Sie zum wiederholten Mal scheitern.

 

 

Ein Beitrag zu praktischer und verantworteter Lebenskunst

Achtsamkeitsmeditation kann neben nachhaltiger Entspannung dazu führen, dass Sie auch in schwierigen Situationen geduldiger, gelassener und freundlicher mit sich sind. Und das wirkt sich nicht nur auf Ihre eigenes Wohlgefühl und auf Ihr Selbstbewusstsein aus, sondern kann viel mehr. Es beeinflusst auch in positiver Weise das Befinden Ihrer Lieben und derjenigen, die Ihnen in Beruf und Alltag begegnen.

Dann praktizieren Sie mit Achtsamkeitsmeditation in gewisser Weise nicht nur Achtsamkeit oder Aufmerksamkeit in seiner Wortbedeutung von mindfulness, sondern auch in seiner Wortbedeutung von care. Eine schöne Integration unterschiedlicher Ansätze, wie ich finde.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt ihre positive und heilsame Ausstrahlung auf andere wieder zu Ihnen zurück. Ein wohltuender Kreislauf nimmt seinen Weg. Das Leben wird erfüllter und leichter zugleich.

 

Hat Ihnen der Impuls gefallen? Dann freue ich mich, wenn Sie ihn teilen.

 

 

9 Antworten

  1. Julia
    | Antworten

    Hallo Frau Dr. Sekler,

    danke für Ihren vielschichtigen Blogpost. Ich werde die Meditation mal ausprobieren. Bisher war das nicht so mein Thema.
    Was den Anfang des Beitrags betrifft, habe ich zwei Fragen:
    1. Ist mit der Nennung der beiden Philosophen auch eine Wertung verbunden? Schätzen Sie die Philosophie von Fellmann mehr als die von Wilhelm Schmid?
    2. Werden Sie am Umsatz der verlinkten Lebenskunst-Einführung beteiligt?

    Freundliche Grüße
    Julia

    • Manuela Sekler
      | Antworten

      Liebe Julia,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und die Fragen darin. Ich freue mich, dass Sie es mit der Meditation versuchen wollen und wünsche Ihnen viel Erfolg dabei!

      Zu Ihrer 1. Frage: Nein, da ist keine Wertung meinerseits mit drin. Ich schätze beide Autoren und möche auch inhaltlich hier keine bestimmte Position ergreifen. Mir war es wichtig, gegenüber meinen Leserinnen und Lesern anzudeuten, dass es zum Thema Lebenskunst(philosophie) nicht nur Wilhelm Schmid gibt. Diesen Eindruck könnte man ja in den Buchhandlungen bekommen… Darüber hinaus finde ich, dass das verlinkte Buch einen guten Überblick über das Thema philosophische Lebenskunst gibt, sowohl inhaltlich als auch geschichtlich.
      Zur 2. Frage: Nein, ich erhalte keine Beteiligung. Auf die Verkaufsseite habe ich vor allem deshalb verlinkt, weil sie aus meiner Sicht hilfreiche Kundenmeinungen zum Buch enthält.

      Alles Gute für Sie und herzliche Grüße!
      Manuela Sekler

  2. Max Armbruster
    | Antworten

    Hallo,
    ich habe die Achtsamkeitsmeditation heute Abend gleich ausprobiert. Es ist schon verrückt zu sehen, wie es mit den Gedanken wirklich so kam, wie es in der Anleitung vorhergesagt war. Ich habe mich zwar noch viel durch aufkommende Gedanken ablenken lassen, aber die 10 Minuten meiner Meditation haben mich trotzdem total entspannt. Körperlich und psychisch. Ich werde es morgen auf jeden Fall noch einmal probieren.
    Max

    • Manuela Sekler
      | Antworten

      Hallo Max,
      das klingt gut, auch dass die Entspannung so wirkungsvoll war. Und ja, Gedanken kommen. Doch mit zunehmender Übung immer weniger. Weiterzumachen ist sicher eine vielversprechende Idee.
      Liebe Grüße
      Manuela

  3. Marion
    | Antworten

    Liebe Manuela,

    ich lese mit Interesse deine Impulse. In ihnen kommt in der Tat ein Stück Lebenskunst zum Vorschein: Sie sind tiefgründig und weise, aber zugleich klar und verständlich auf den Punkt gebracht und vor allem sind sie umsetzbar!
    Ich freue mich schon auf den nächsten Impuls!

    Übrigens, mir hilft bei der Meditation, in Gedanken bei jedem Aus- und Einatmen ein Meditationswort zu sprechen. Diesen Tipp habe ich aus einem Kontemplationskurs mitgenommen. “Avun”: Wo bist du Gott? Du in mir – ich in dir.

    Viele Grüße
    Marion

    • Manuela Sekler
      | Antworten

      Liebe Marion,

      vielen Dank für dein Interesse. Es freut mich sehr, dass dir meine Impulse gefallen und du sie praxistauglich findest!
      Danke auch dafür, dass du hier deine eigene Meditationserfahrung mit uns teilst!
      Mit der Kontemplation sprichst du eine spirituelle Praxis an, die heute vor allem im christlichen Kontext gepflegt wird.
      Im Unterschied dazu erfordert Achtsamkeitsmeditation trotz seiner buddhistischen Wurzeln keine spirituelle Orientierung. Das verschafft ihr die Möglichkeit, für sehr viele Menschen passend und praktikabel zu sein.

      Ich wünsche dir weiterhin viele gute Erfahrungen auf deinem Weg!
      Manuela

  4. Kerstin Frei
    | Antworten

    Liebe Frau Dr. Sekler, vielen Dank für diese Anregungen. Ich habe ihren Artikel in meinem Blog besprochen und werde ihn auch auf FB teilen.
    https://www.kerstin-frei.eu/blog/online-magazin/
    Hier ist meine Kurzbesprechung dazu. Vielen Dank Ihre Kerstin Frei von Lebenskunst in der Lebensmitte

    Dieser Artikel von Dr. Manuela Sekler ist zwar nun schon etwas älter, aber für mich immer noch sehr aktuell.

    Sie erklärt darin, wie wir schon unser Lebensgefühl steigern können, mit kleinen alltäglichen Wahrnehmungsübungen.

    Ich habe mal den Weg der Kontemplativen Meditation in einem Kloster erlernt. Danach hatte ich wirklich ein anderes Lebensgefühl.

    Wir nannten es damals nicht “Achtsame Meditation”, aber es ist Ähnliches gemeint. Für mich besteht ein ganz enger Zusammenhang zwischen Lebensführung, Lebenskunst, Meditation und Wahrnehmung im Alltag. Es geht nicht immer nur darum, sich in ein Kämmerlein zurückziehen zum Meditieren. Das ist wichtig. Auch. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir durch unsere hektische Welt vergessen haben, im Moment präsent zu sein. JETZT. HIER. HEUTE. DORT.

    Wenn wir uns erlauben, die Müdigkeit zu spüren und einzugestehen, dann sind wir da und achtsam.

    Wenn wir uns erlauben, Traurigkeit zu empfinden, dann sind wir nah bei uns.

    Wenn wir Zeit haben für Dankbarkeit und Freude, dann ist unser Lebensgefühl fröhlich.

    Diese Formen der Meditation in den Alltag einzubauen, verhilft uns, unser “Frühwarnsystem” zu schärfen und früher Pausen einzulegen, z.B. oder früher etwas an unserer Lebensführung zu ändern.

  5. Manuela Sekler
    | Antworten

    Liebe Frau Frey,

    vielen Dank fürs Teilen und für Ihre Erfahrungen.
    Ich wünsche Ihnen auch für die Zukunft interessante Rückzugsorte und Begegnungen.

    Viele Grüße
    Manuela Sekler

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